Erholungslager Mallorca 2016

Schon vor Ablauf der Saison 2015 bedachte mich BW mit einer „Einladung“ zu dem von ihm organisierten Trainingslager auf Mallorca Anfang März. Es dauerte für meine Verhältnisse vergleichsweise kurz, bis ich meinen Geiz überwunden hatte und zusagte. Wie es sich für einen deutschen Weltbürger gehört, führte mich mein erster Urlaub, den ich mir selbst finanziert hatte, also nach Mallorca.

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Vom Fressen und gefressen werden.

Was zu Beginn des Jahres mit einem 30-tägigen Experiment begann, hat sich mittlerweile zu einem neuen Bestandteil meiner Auffassung von Leben, Zusammenleben und Tod entwickelt – ich wurde den Überzeugungen des veganen Lebensstils erfasst. Für jemanden, der seine Mitmenschen gerne und ausgiebig über seinen krassen Sahnekonsum informierte und sich obendrein damit brüstete, das Käsefondue bei Familienfeiern nahezu alleine zu vernichten, kommt dieser Wandel der Transformation vom Saulus zum Paulus gleich. Wie kam es dazu, dass ich mittlerweile keine tierischen Produkte mehr essen möchte?

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Rollentod

In Anlehnung an Rammstein – Rosenrot. Daher bitte hier klicken, um während des Lesens die korrekte akustische Untermalung zu genießen.

Sah ein Knab sein Röllchen stehn,
Sehnte sich nach Schenkelglühn,
So zog er sich Radkleidung an,
stieg auf’s Rad geschwind sodann.

Er will Schmerz in Po und Bein,
So war es und so wird es immer sein,
Er will Schmerzen auch im Bauch,
Wer Schmerzen will bekommt sie auch.

Im Hause drinnen muss der radeln,
der sich gründlich quälen will,
Rollentod oh Rollentod,
Die Beine steh’n nie still.

Das Wetter lässt ihm keine Wahl,
Folglich ist’s ihm sehr egal,
Hat das Treten nur im Sinn,
So richtet er allein sich hin.

Er will Schmerz in Po und Bein,
So war es und so wird es immer sein,
Er will Schmerzen auch im Bauch,
Wer Schmerzen will bekommt sie auch.

Nach der Flasche muss er greifen,
Wenn er klares Wasser will,
Rollentod oh Rollentod,
Die Beine steh’n nie still.

Von seiner Stirne rinnt der Schweiß,
Im Zimmer ist es viel zu heiß,
Und ein Schrei tut jedem kund,
Jetzt läuft es nicht mehr rund.

Er will Schmerz in Po und Bein,
So war es und so wird es immer sein,
Er will Schmerzen auch im Bauch,
Wer Schmerzen will bekommt sie auch.

Im Hause drinnen muss der radeln,
der sich gründlich quälen will,
Rollentod oh Rollentod,
Die Beine steh’n nie still.

 

Festive 500 2015

Wie seit einigen Jahren üblich stellte ein wohlbekannter Hersteller besonders edel anmutender Radsportbekleidung für notorisch stilorientierte Athleten ebensolchen den Ritterschlag durch ein gesticktes Abzeichen in Aussicht, falls sie eine Distanz von (mindestens) 500 km im Zeitraum vom 24. Bis zum 31.12. zurückzulegten und ihre Großtaten ausreichend belegen konnten.

Wie in den vergangenen beiden Jahren fehlte mir auch dieses Weihnachten ein „vernünftiger“ Grund, über die Feiertage unverhältnismäßige Trainingsumfänge zu absolvieren. Daher halfen mir die Festive 500 als Begründung sowie Motivation, das überbordende Nahrungsangebot mit einem nicht weniger abartigen Trainingsumfang zu kombinieren.

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Saisonbeginn 2016

Am 1. November wurde die Saison 2016 traditionell, offiziell und stilvoll mit einer zünftigen Fahrt hinauf nach Kaltenbronn eröffnet. Während im Tale der Nebel die Sicht trübte, badeten wir schon nach wenigen Höhenmetern in der Sonne und kurz darauf auch im eigenen Schweiß. Der Freude tat dies gewiss keinen Abbruch und so wurde die Eroberung Kaltenbronns euphorisch gefeiert.

Kaltenbronn bezwungen. Bild: Ben Witt
Steil gegangen. Bild: Ben Witt

Da im Wintertraining generell härter gefahren werden muss, hielt ein 25-er Ritzel als Rettungsring her. Leider schien meine Kurbel nichts von einer derartigen Erhöhung der wirkenden Kräfte zu halten und ich musste feststellen, dass sich das Aluminiuminlay mit dem Pedalgewinde vom Kurbelarm aus Carbon gelöst hatte. So kam ich jedoch immerhin in den Genuss, wieder einmal mit gutem Grund mein edles Ersatzrad zunächst zu pflegen und danach zu schinden. Die unschlagbar gute Form, die mir der Saisonauftakt in Kaltenbronn beschert, hilft mir dabei bis heute natürlich ungemein.

Leider verleitete mich meine Topform auch dazu, in der winterlichen Alternativsportart Nummer eins, dem Laufen, ein für meinen verweichlichten Bewegungsapparat zu schnelles Tempo zu wählen und mich konsequenterweise gleich mit Schmerzen im Knöchel für zwei Wochen zu verabschieden. Darunter litt leider auch die Teilnahme an der Alternativsportart Nummer zwei des Winters, dem Zirkeltraining, das mir nach der ersten Teilnahme noch einen wirklich respektablen Muskelkater im unteren Rücken sowie den Adduktoren beschert hatte.

Die Verletzungspause konnte ich glücklicherweise effektiv nutzen, um mir neues Material zu besorgen, das den harten Belastungen des Wintertrainings hoffentlich standhält.

Bergkönig Ebersteinburg 2015

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© Toni Stubenrauch

Nachdem ich das Bergzeitfahren der RSG Ried Rastatt hinauf nach Ebersteinburg in den vergangenen beiden Jahren für mich entscheiden konnte, wollte ich dort auch in diesem Jahr am Start stehen. Infolge der Operation im Juli und zwei lästigen Infekten war ich mit meiner Form im Vorfeld jedoch alles andere als zufrieden. Doch rechtzeitig vor der Veranstaltung zeichnete sich zumindest ein vorsichtiger Aufwärtstrend ab. So lautete mein Plan, mit wehenden Fahnen unterzugehen. Druck, den ich im letzten Jahr sowohl mental als auch auf dem Pedal hatte, verspürte ich in diesem Jahr nicht.

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Chinesischer Knoblauch macht frischen Atem

Am Dienstagabend war ich zu einem ausgesprochen leckeren Crêpes-Schlemmen eingeladen, das geschmacklich leider noch vor dem Nachtisch in ein handfestes Desaster umschlagen sollte. Die Gastgeber hatten auf Anraten eines Kochs chinesischen Knoblauch gekauft. Dieser soll einerseits ein dem herkömmlichen Knoblauch ebenbürtiges Geschmackserlebnis bieten andererseits soll man im Anschluss seinen Genuss jedoch keinen unangenehmen Körpergeruch verströmen. Eine steile These, wie ich fand.

Da ich noch etwas Halsweh hatte und Knoblauch in der traditionellen Medizin und bei Superfood-Enthusiasten als besonders wirksames Heilmittel gegen sämtliche Leiden geschätzt wird, wollte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und sowohl meinen Infekt besiegen, als auch im Dienste der Wissenschaft feststellen, ob der Knoblauch das Versprechen nach weniger unangenehmem Körpergeruch hält. Großspurig kündigte ich an, eine Zehe des Knoblauchs roh zu genießen und willigte ein, im Anschluss über den Ausgangs des Experiments Bericht zu erstatten.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Chinesischer Knoblauch wird auch Soloknoblauch genannt, weil eine Knolle keine einzelnen Zehen besitzt. Ich hielt mich aber einmal mehr an die alte Weisheit „Wenn’d was druff hasch, macht dir’s nix aus.“ Voller Vorfreude darüber, dass ich am nächsten Tag vollkommen genesen Bäume ausreißen würde, belegte ich mir ein Brot mit den Scheiben einer Knolle, die in ihrer Größe (gütigerweise) nur einer sehr großen Walnuß gleichkam.

Den Vergleich zur Schärfe normalen Knoblauchs kann ich nicht ziehen, aber ich empfand den Soloknoblauch als wahrlich scharf genug. Der Versuch wurde fotografisch festgehalten und die Bilder sprechen für sich.

Ich empfehle Anwendern des Soloknoblauchs sich an die üblichen Mengen zu halten. Meine weiteren Speisen gingen fortan leider geschmacklich vollkommen unter, aber eine wohlige Wärme aus meinem tiefsten Inneren durchströmte mich.

Auch das Frühstück am nächsten Morgen war geschmacklich noch etwas beeinträchtigt, obwohl ich zur Feier des Tages sogar meine Zahnbürste für meine Zähne anstatt zur Reinigung meiner Kette zweckentfremdet hatte. Leider war mein Infekt auch nicht vollständig verschwunden.

Blieb zumindest die Hoffnung, dass ich nicht durch den typischen Knoblauchgeruch gebrandmarkt sein würde. Als Probanden erachtete ich meine Arbeitskollegen als repräsentative Stichprobe. Zumindest mein Zimmerkollege schien doch erheblich unter meinen Ausdünstungen zu leiden. Um endgütlig festzustellen, ob man nach dem Geruch herkömmlichen Knoblauchs noch penetranter duftet, müsste das Experiment natürlich mit ebensolchem Knoblauch und denselben Probanden wiederholt werden. Leider wurde ich eindringlich dazu angehalten, derlei Experimente zukünftig nicht zu wiederholen, sodass ich die Antwort auf diese Frage leider schuldig bleibe. Ich gehe jedoch davon aus, dass der Geruch im Falle herkömmlichen Knoblauchs penetranter ist. Ein eher knoblauchaffiner Kollege nahm nämlich keinen unangenehmen Geruch wahr.

Die rote Ampel, die Zivilstreife und ich. Ein Denkzettel.

Obwohl ich mich heute aufgrund leichten Halskratzens nicht wirklich fit fühlte, wollte ich den warmen Sommerabend doch zu einer kleinen Tour nutzen. Auf dem Weg durch die Felder konnte ich sogar die ersten Äpfel der Saison ernten und machte mich mit vollen Trikottaschen zurück auf den Heimweg. Wie gewöhnlich herrschte bei den meisten Ampeln, die meinen Weg verschönerten „Radlergrün“ vor. Deshalb machte ich mir keine weiteren Gedanken, als ich die Grünphase an einer größeren Kreuzung ebenfalls spürbar ausweitete.

Wenig später sollte sich dies als fatal herausstellen. Einen knappen Kilometer nach der Ampel parkte ein grauer Kombi, der von zwei schneidigen Beamten in meinem Alter flankiert wurde, auf dem Radweg, den ich heute (vorbildlicherweise) nutzte. Anders als erhofft, wurde dieser Umstand von den eifrigen Ordnungshütern jedoch nicht mit Anerkennung gewürdigt. Sie machten mich vielmehr auf meine soeben begangene Ordnungswidrigkeit aufmerksam, die ich auch nicht abstritt.

Was nun folgte, war eine Zurechtweisung und Rechtfertigung, deren logische Geschlossenheit mir zumindest fragwürdig erscheint. Mir wurde zur Last gelegt, die rote Ampel missachtet zu haben – dieser Tatbestand trifft vollkommen zu – und dadurch andere Verkehrteilnehmer, in diesem Fall die beiden Polizisten in ihrem Streifenwagen, gefährdet zu haben – hier hege ich doch gewisse Zweifel.

Paradoxerweise versuchten mir die beiden glaubhaft zu vermitteln, dass sie sich eigentlich um meine Gesundheit sorgten und deshalb einschritten, bevor ich an der nächsten Ampel zu Tode gekommen wäre. Denn als Radfahrer sei ich es, der unter einer Kollision zu leiden habe. In diesem Fall würde mich auch der Helm nicht schützen und ich hätte mit großer Sicherheit Knochenbrüche, Prellungen und Schürfwunden davongetragen. (Als ob ich dafür erst mit einem Auto zusammenstoßen müsste.)

Meine beiden Schutzbefohlenen gaben sich eine geschlagene Viertelstunde große Mühe sowohl die Sorge um meine Gesundheit als auch ihren erlittenen Schock, aufgrund der von mir in Kauf genommenen Gefährdung der anderen Verkehrsteilnehmer, insbesondere ihnen selbst, eloquent zum Ausdruck zu bringen. Da sie als Zivilstreife unterwegs waren, hätte die Hemmschwelle zu reagieren, naturgemäß hoch gelegen. Aber diese schwerwiegende Ordnungswidrigkeit mussten sie sofort ahnden.

Ich erfuhr auch, dass es ein recht kostspieliger „Denkzettel“ werden würde, den sie mir auf den Heimweg sowie meinen weiteren Lebensweg mitgeben würden. Insgesamt belief sich die Ausbeute auf 160 € Bußgeld, eine Anzeige und zwei Punkte. Ziemlich viel Geld für einen lausigen Durchschrieb, der in einer ungelenken Handschrift ausgefüllt worden war. Wie nachhaltig sich dieses Wertpapier entwickelt, kann ich natürlich noch nicht abschätzen. Aber ich bin der festen Überzeugung, eine sinnvolle Investition getätigt zu haben. Denn die Bußgeldstelle wird mir gegen eine läppische Bearbeitungsgebühr von 25 € glücklicherweise noch eine ordnungsgemäße Rechnung zukommen lassen.

Da ich den beiden nun schon eine Weile Gesellschaft leisten durfte und langsam die Dämmerung hereinbrach, geriet abschließend noch die Frage nach meinem Licht in ihren Fokus. Mein Einwand, dass ich eigentlich vor Hereinbruch der Nacht daheim angelangt wäre, überzeugte sie nicht gerade. Deshalb wurde mir nahegelegt, aus Rücksichtnahme auf meine eigene Unversehrtheit, mit dem öffentlichen Nahverkehr die Heimfahrt anzutreten.

Um weiteren Anzeigen wegen Schwarzfahrens sowie eventueller Sachbeschädigung und Erregung öffentlichen Ärgernisses und einer Privatinsolvenz aus dem Weg zu gehen, bzw. zu fahren, entschied ich mich jedoch dafür, den Heimweg auf dem Fahrrad zu bewältigen.

Ein überdurchschnittlich gelungener Abend.

„Wenn’d was druff hasch, macht dir’s nix aus.“

Nachdem ich gestern bereits von Karlsruhe nach Schaffhausen gefahren war, um die wohl beste Pizza (bzw. mehrere der besten Pizzen) der Welt zu genießen und der Erfindung einer neuen Methode zur Herstellung von Fruchteis beizuwohnen, stand heute die Rückfahrt nach Karlsruhe auf dem Plan. Nach einem bemerkenswert leckeren und umfangreichen Frühstück, das insbesondere durch seinen hohen Sahnegehalt hervorstach, verabschiedete ich mich in bester Stimmung von meinen Gastgebern. Der Wetterbericht sagte für den Nachmittag im Schwarzwald zwar unsicheres Wetter voraus, aber ich war fest davon überzeugt, dass ich trockenen Reifens mindestens bis Freudenstadt kommen würde. Um eine zweite Begegnung mit meinem Frühstück auszuschließen, ließ ich es in Oberlenkerhaltung fahrend, locker angehen und genoss die Sonne.
Meine Hoffnung, dass nur der letzte Teil meiner Tour vom Regen beeinträchtigt sein würde, zerschlug sich leider schon nach weniger als zwei Stunden Fahrtzeit, als zu tröpfeln begann. Das konnte ja heiter werden, dachte ich mir. Das Wetter erwies sich leider als zunehmend weniger heiter und ein stetiger Regen gab sich redlich Mühe mich zu durchnässen. Meine Verärgerung über das Wetter hielt sich zu diesem Zeitpunkt jedoch in Grenzen, denn das Wetter war einfach nur recht pünktlich gewesen. Der Wetterbericht hatte Regen ab dem Nachmittag vorhergesagt und hier und heute wurde mir klar, dass mit „Nachmittag“ per Definition die Zeit des Tages nach 12:00 Uhr mittags bezeichnet wird.
Die Aussicht, die verbleibenden ungefähr fünf Stunden in diesem charakterbildenden Wetter zu verbringen, stimmte mich nicht unbedingt optimistisch. Mental begann ich mich auf heroisches Leiden im Stile der Protagonisten aus „A Sunday in Hell“ einzustellen. Meine vorbildliche Regenausrüstung beschränkte sich auf die obligatorische stilvolle Rennmütze.
Aufgrund eines u(h)rigen Sonnenbrands, den ich mir durch den Verzicht auf mein Präzisionschronometer am Vortag eingehandelt hatte, hatte ich an den betroffenen Stellen Sonnencreme appliziert. Unter den herrschenden Bedingungen ließ diese zumindest das Wasser besser abperlen. Außerdem konnte ich zweifelsfrei verifizieren, dass es sich um eine wasserfeste Sonnencreme handelte. Eine bahnbrechende Erkenntnis auf meinem Weg durch den Regen, der zusehends kühler wurde.
Nachdem es ungefähr eine Stunde geregnet hatte, ließ meine Motivation langsam nach. Als ich an einer offenen Stalltüre vorbeifuhr, begannen meine Gedanken um die großen, plüschigen und vor allem warmen Körper des gutmütigen Milchviehs darin zu kreisen, das einen durchgefrorenen Radsportler sicher gerne in seine Mitte genommen und gewärmt hätte.
Einmal abgestiegen wäre ich wohl nicht mehr weitergefahren und meine Gedanken drehten sich fortan um eine alte Weisheit meines Trainers: „Wenn’d was druff hasch, macht dir’s nix aus.“ Damit war die Frage, ob ich dem Wetter standhalten würde also auf einfache Weise beantwortet worden. Mir einzugestehen, „das“ nicht draufzuhaben, war eindeutig keine Alternative, sodass ich wohl oder übel würde durchhalten müssen. Glücklicherweise zeichneten sich am Himmel links von mir bereits Löcher in der Wolkendecke ab und nährten meine Hoffnung, auf ein baldiges Ende des Regens.
Eine halbe Stunde später wurde ich nur noch von unten nass und anschließend fuhr ich sogar drei Stunden auf trockener Fahrbahn. Der Wind, der mich am Vortag noch einige Nerven gekostet hatte, schob mich nun die Hügel hinauf und zauberte mir ein gequältes Lächeln ins Gesicht. Sogar die Windkraftanlagen lachten mich an, als ich das wellige Terrain in Richtung Freudenstadt in Angriff nahm.
Mittlerweile schwammen auch meine Füße nicht mehr in den Schuhen. Was mich aber bis ins Mark erschütterte, waren die erbärmlichen Schreie nach Öl, die meine vor dem Wochenende erneuerte Kette mittlerweile verlauten ließ.
Glücklicherweise sollte sich dies jedoch bald wieder ändern. Auf den letzten 20 km sorgte erneut einsetzender Regen wieder für eine einwandfreie Schmierung der Kette und ermunterte mich, möglichst schnell nach Hause zu fahren. Rückenwindunterstützt war auch der Schnitt zufriedenstellend und meine Beine fühlten sich noch so munter an, wie es nach knapp 180 km eben geht. Nach etwas weniger als sechseinhalb Stunden Gesamtzeit erreichte ich voller Vorfreude auf eine warme Dusche mein Zuhause samt dem Kühlschrank voller Essen.

Die Mumie kehrt zurück

Gestern wurden mir endlich die metallenen Andenken an meinen bisher unglücklichsten Fahrradsturz aus dem Arm entfernt. Wie nach der letzten Operation darf ich nun erneut eine Drainage und einen dicken Verband um den Arm mein Eigen nennen. Wenn ich das blutige Gefäß, das an meinem Arm baumelt, länger in Augenschein nehme, stellt sich reproduzierbar Brechreiz ein und ich erschaudere beim Gedanken an den Moment, an dem die Drainage gezogen wird. So darf ich die heißesten Tage des bisherigen Sommers damit verbringen, im eigenen Saft zu garen und habe viel Zeit die Geschehnisse, die der gestrigen Operation vorausgingen, Revue passieren zu lassen.
Alles begann lächerliche vier Kilometer vor der Heimkehr von einer lockeren Trainingsrunde im April 2014. Es war ein angenehmer Frühlingsabend, der die Jahreszeit der kurzen Trikots und Hosen unmissverständlich in die nahe Zukunft rückte. Mein Wintertraining war gut gewesen und ich verschwendete erste Gedanken an die Planung meiner Rennsaison. Das Ende meines Studiums war ebenfalls in greifbarer Nähe und ich befand mich in der Vorbereitung der verbliebenen mündlichen Prüfungen. Am selben Abend war ich noch zu einem lange geplanten und mehrmals verschobenen Abendessen bei Freunden eingeladen, auf das ich mich ebenfalls freute. Mein Leben verlief zu diesem Zeitpunkt alles in allem ziemlich reibungslos. Wie schnell mich reibungskontrollierte Prozesse auf den steinigen Boden der Realität zurückholen sollten, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Charakteristischerweise war ich länger unterwegs gewesen, als ich im Voraus geplant hatte. Ich würde mich etwas beeilen müssen, um noch einigermaßen pünktlich zum Essen zu kommen. Um daheim keine unnötige Zeit damit zu verschwenden, noch etwas trinken zu müssen, griff ich zur Trinkflasche, die ich bis dahin kaum angerührt hatte. So nahm das Ungemach seinen Lauf.
Eine Hand am Lenker, in der anderen die Trinkflasche, rolle ich lässig dahin. Zu meiner Rechten rollt ebenso unaufhaltsam ein Zug vorbei. Beim Anblick des Zuges hänge ich fasziniert Gedanken über die Grundlagen der Schienenfahrzeugtechnik nach. Als ich den Blick wieder auf den Asphalt richte, nehme ich gerade noch wahr, wie ich mit dem Vorderrad einen Ast überrolle. Sekundenbruchteile später rolle ich selbst über den Asphalt, die Hand mit der Trinkflasche stets obenauf. Ich krümme mich vor Schmerz und bin erbost über meine eigene Unachtsamkeit, die so schnell in einem absolut unnötigen Sturz endete.
Ein paar Sekunden später habe ich mich einigermaßen aufgerafft und beginne meinen Körper, meine Kleidung und natürlich mein Rad zu untersuchen. Die frisch angelegten Löcher in meinen alten Klamotten lassen sich bestimmt als modischen Kunstgriff verkaufen. Die unschönen Löcher in meiner Haut, die noch nicht so alt ist, schmerzen schon eher. Der beschädigte Sattelbezug und das Lenkerband sind weitere Ärgernisse. Zunächst krümme ich mich aufgrund der Schmerzen jedoch wie ein Besoffener über mein Rad. Ein vorbeikommender Radfahrer beachtet mich nicht weiter. Ich kann es ihm kaum übel nehmen. Vermutlich geht er davon aus, dass ich gerade ins Gebüsch gereihert habe. Mit Idioten, die besoffen Rennrad fahren und aus einigen Löchern bluten, hätte ich auch wenig Mitleid. Ich reiße mich zusammen, versichere mir kurz, dass alles halb so wild ist und mache mich auf den Heimweg. Während selbigem stelle ich fest, dass ich den Lenker mit der linken Hand nicht mehr richtig greifen kann und mir der Wiegetritt doch etwas schwerer fällt als sonst. Zuhause angekommen, befreie ich mich eilig von den Klamotten und eile in die Dusche, denn ich möchte trotz allem die Einladung zu einem leckeren Abendessen wahrnehmen. Unter der Dusche sehe ich, dass an meinem linken Ellenbogen eine seltsame Beule absteht, die sich mit dem Finger bewegen lässt und einen soliden Kern aufweist. Mein beschränktes Hirn wird vollständig durch die reine Beobachtung der Realität in Anspruch genommen, sodass keinerlei Reflektion über die wahrgenommenen Tatsachen möglich ist. Das Loch in meiner Hüfte sieht ebenfalls nicht sehr appetitlich aus und gibt an der tiefsten Stelle den Blick auf ein weißes Gewebe frei, das ich bisher noch nicht am lebenden Tier beobachten konnte. Um meine Neugier zu befriedigen, lege ich buchstäblich den Finger in die Wunde und stelle fest, dass es sich um ein festes Gewebe und nicht um eine Flüssigkeit wie Eiter handelt. Währenddessen bin ich erstaunt darüber, dass mich kein Brechreiz überkommt, wo ich sonst nur sehr ungerne Blut und Verletzungen sehe.
Immerhin reicht mein Urteilsvermögen noch so weit, festzustellen, dass ich Hüfte und Arm in irgendeiner Weise verbinden sollte, bevor ich mich anziehe. Die Hausapotheke der WG erweist sich leider als nicht sehr ergiebig. Die Wunde am Ellenbogen bleibt deshalb zunächst unversorgt. Heilen Wunden an der Luft nicht sowieso am besten? Das Loch in der Hüfte verlangt jedoch nach einer saugfähigen Lösung und außerdem wird hier später auch die Jeans scheuern. Weil die Wunde hübsch groß und tief ist, muss etwas improvisiert werden. Ich schneide von zwei verbliebenen großen Heftpflastern die klebenden Ränder auf der vollen Länge ab, damit ich sie anschließend über der Wunde kreuzen kann, ohne dass die Klebeflächen in die Wunde kommen. Anschließend nutze ich die entfernten Kleberänder, um meine Konstruktion zu fixieren. Mit Unterhose und Hose darüber müsste das schon gehen, urteile ich. Die Übelkeit, die mich überkommt, während ich mich mit dem Rad auf dem Weg zu meinem Abendessen mache, lässt mich das erste Mal ernsthaft an der optimistischen Selbstdiagnose zweifeln, dass kein Bruch vorhanden ist. Nichtsdestotrotz möchte ich das Essen so kurzfristig unmöglich absagen und verspüre doch etwas Appetit.
Das wirklich gute Essen konnte ich leider nur mit einer Hand in den Mund befördern und mit fortschreitender Zeit wurde mir auch zusehends kalt, obwohl ich eigentlich viel zu warm angezogen war. Ich verabschiedete mich bald nachdem der letzte Teller geleert war und entschied, dass ich noch das nahegelegene Städtische Klinikum aufsuchen würde. Ich war ja glücklicherweise mit dem Rad da, sodass der Weg sicherlich kein Problem darstellen sollte. Als ich den Schlüssel aus meiner Hosentasche holen wollte, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass meine Verbandskünste nicht ausgereicht hatten, um zu verhindern, dass Unterhose und Jeans vollkommen von Blut durchweicht worden waren.
Den Plan, in die Notaufnahme zu radeln, musste ich schnell verwerfen. Der Versuch mein rechtes Bein über den Sattel zu schwingen, endete damit, dass ich vor Schmerz ächzte, noch bevor mein Fuß den Boden richtig verlassen hatte. Infolgedessen erreichte ich die Notaufnahme wenig später etwas ungelenk humpelnd, mein Rad vor mir herschiebend.
Nach Erledigung der Formalitäten versuchte ein viel zu verständnisvoller Arzt mein langärmliges T-Shirt über den kaputten Arm zu streifen. Unter der Kleidung war mir verborgen geblieben, dass ich linksseitig aussah wie Popeye und einen Unterarm in Melonenform mit mir herumtrug. Mein Shirt fiel deshalb der Schere zum Opfer. Die Wartezeit vor dem Röntgen bot nun Gelegenheit, mich ob meiner Dummheit selbst zu bemitleiden. Mittlerweile war ich mir wohl im Klaren darüber, dass mein linker Arm erheblich gelitten hatte und hoffte nur, dass mir eine Operation erspart bleiben würde.
Die Krankenschwester, die kurz darauf meine Hüfte in Augenschein nahm, konnte sich ein mitleidiges Schmunzeln aufgrund meiner Verbandskünste nicht verkneifen. Ein paar Haut- sowie Fleischreste wurden nach der lapidaren Anmerkung, dass diese definitiv nichts mehr würden und tot seien, professionell entfernt. Glücklicherweise war ich über den Punkt hinaus, wo ich solche geringfügigen Schmerzen, wie sie ein Schnitt mit einem Skalpell verursacht, noch wahrgenommen hätte. Die Wunde war in den letzten Stunden jedoch nicht gerade ansehnlicher geworden. Die Röntgenbilder ergaben, dass ich eine „mäßig dislozierte Olekranonfraktur, die auf jeden Fall operiert werden“ musste, erlitten hatte. Ganz langsam dämmerte mir, dass ich mit den Folgen dieses bescheuerten Sturzes noch eine gute Weile Spaß haben würde. Ich bekam gleich noch eine schöne Schiene an den Arm, um zu verhindern, dass der Bruchspalt infolge möglicher Bewegungen des Arms noch weiter aufgehen würde.
Buchstäblich und im übertragenen Sinne am Boden zerstört trat ich die Heimreise an. Gegen halb zwei langte ich schließlich daheim an. Der Versuch, mir mit der rechten Hand die Zähne zu putzen, schlug vollkommen fehl. Mich auszuziehen dauerte ebenfalls eine Ewigkeit und wurde von unschönen Flüchen begleitet. Leider fand ich in meinem schmalen Bett einfach keine Position, in der Mein Arm und meine Hüfte nicht höllisch wehtaten, sodass an Schlaf kaum zu denken war. Zudem hatte ich am nächsten Morgen bereits den nächsten Termin im Krankenhaus, um das Datum für die Operation zu vereinbaren. Dergestalt endete der wohl ungeilste Tag meiner jüngeren Vergangenheit.

Arm mit Trinkhalm.
Wiederauferstanden